Auch 66 Jahre nach Hitlers Tod bleibt der Nationalsozialismus eine Goldgrube für Journalisten, Publizisten und Verleger. Wie weit die Verwertbarkeit der zwölf am häufigsten diskutierten Jahre deutscher Geschichte reicht, belegt Willi Winklers 2011 bei Rowohlt erschienenes Historienbuch Der Schattenmann gleich doppelt. Winkler, Journalist bei der Süddeutschen Zeitung, erhielt 2010 den Ben-Wittwer-Preis für kritischen Journalismus. Doch sein neuestes Buch erfüllt nicht das Erwartbare.
Winkler verfällt zu oft in einen populärwissenschaftlichen, mitunter unglücklich zynischen Stil. Um simplen Wortspielereien willen werden die Opfer des Holocausts schon mal als „Schafe” bezeichnet. Mit der Geschichte des Schattenmanns zeichnet Winkler zugleich ein Panorama der terroristischen Befreiungsbewegungen der Araber sowie der nationalsozialistischen Eliten nach 1945. Übrig bleibt ein gefallener Geist, dessen individuelle Bedeutung um der Dramaturgie willen überschätzt wird. Denn vor den mitunter wesentlich erzählenswerteren historischen Hintergründen verliert der Schattenmann schnell an Bedeutung.
Genoud: Einer der vielen, die sich von Hitlers Charisma einwickeln ließen
Hinter dem großen Anonymen steckt der Bankier, nationalsozialistische Aktivist und Agent François Genoud. Dieser kam 1915 im französischsprachigen Teil der Schweiz zur Welt und gehört zu jener Mehrzahl der Zeitgenossen, die sich vom Charisma Hitlers schnell einwickeln ließen. Der siebzehnjährige Lehrling Genoud traf Hitler im Herbst 1932 unvorbereitet im Godesberger Rheinhotel Dreesen. Die späteren Biographen Genouds, Karl Laske und Pierre Péan, vermerken, Hitler habe den jungen Schweizer mit dem Satz „Eure Generation wird Europa erbauen” für sich gewinnen können. Doch Genoud blieb eine direkte Beteiligung auch nach 1933 verwehrt. Als Schweizer Staatsbürger durfte er weder der NSDAP noch ihren Unterorganisationen beitreten.
Deshalb, so Winkler, verlegte der „Schattenmann” seine Aktivitäten in die arabischsprachige Welt. Im Sommer 1936 begab sich Genoud mit dem Jugendfreund Jean Bauverd nach Bagdad. Beide stammten aus dem Lager der faschistischen „Nationalen Front” in der Schweiz, die in den 1930er Jahren freilich eher ein politisches Schattendasein fristete. Genoud und Bauverd gerieten 1936 mitten in die „zweite arabische Revolution”. Ihre Sympathie galt dem Aufstand, da sich dieser nicht nur gegen die Kolonialmächte Frankreich und Großbritannien richtete, sondern auch die eigenen antisemitischen Ressentiments bestätigte.
Genouds zweiter Lehrer: Revolutionsführer und Mufti Hadj Amin al-Husseini
In den Augen des Anführers der zweiten, kleinen arabischen Revolution, des Muftis Hadj Amin al-Husseini, wurde die Unterdrückung der Araber durch die Kolonialmächte vor allem von zionistischen Motiven bestimmt. Der Titel des „Muftis” lässt sich sinngemäß mit „islamischer Rechtsgelehrter” übersetzen. Dies deutet auch an, welche ideologisch führende Rolle al-Husseini während der zweiten arabischen Revolution zukam. Winston Churchill charakterisierte al-Husseini knapp, aber prägnant als „eine Tonne Dynamit auf zwei Beinen”. Neben Hitler dürfte es vor allem der charismatische al-Husseini gewesen sein, der Genoud ideologisch motivierte.
Der Bagdader Aufstand 1936 stellte die ideologische Initialzündung im Leben des François Genoud dar. Darauf begründen sich spätere Aktivitäten wie etwa die Übernahme internationaler Finanztransfers für die algerische „Nationale Befreiungsfront” FLN, für deren Versorgung mit Waffen u. a. Otto Ernst Remer verantwortlich war. Es handelte sich dabei um eben jenen SS-Offizier, der am 20. Juli 1944 an der Niederschlagung des Staatsstreichs Claus Graf Schenk von Stauffenbersg beteiligt war. Es sind vor allem diese Details, die Winklers Biographie lesenswert machen. Die Person Genouds liefert dabei den roten Faden, an dem entlang Winkler den Einfluss ehemaliger mittlerer und hoher nationalsozialistischer Eliten nach 1945 im internationalen Terrorismus darlegt.
Genoud: Agent zwischen Links und Rechts
Winkler gelingt es in seiner spannenden, wenngleich gar zu chronologisch vorgehenden Biographie Genouds auch die Geschichte der arabischen Unabhängigkeitskämpfe in der Breite darzustellen. Das Panorama reicht vom Bagdader Aufstand 1936 über den Algerienkrieg 1954 bis 1962 bis hin zur ersten Flugzeugentführung der linken „Volksfront zur Befreiung Palästinas” (PFLP). Genoud war in die meisten der terroristischen Aktivitäten verwickelt. Denn neben der Erstellung und dem Vertrieb gefälschter Hitler- und Goebbels-Tagebücher stellte der terroristische, oftmals linksgerichtete Flügel der panarabischen Bewegung Genouds finanzielle Existenzgrundlage dar.
Doch er blieb dabei zumeist im Hintergrund und achtete mit peinlicher Genauigkeit darauf, nicht unmittelbar an Entführungen und Morden beteiligt zu sein. Trotzdem war seine Rolle im terroristischen Netzwerk entscheidend und unverzichtbar, selbst wenn es sich nur um Kurierdienste handelte. Als die PFLP 1972 die Lufthansa-Maschine „Baden-Württemberg” entführte und es zu Zwischenfällen in der Übermittlung des Erpresserbriefs kam, entschied sich Genoud während der Fahrt zum Belgienurlaub mit der Ehefrau einen Umweg über Frankfurt am Main zu nehmen. Die Express-Sendung erreichte noch rechtzeitig die Lufthansa-Zentrale, die Lösegeldzahlung verlief erfolgreich.
Unglückliche Stilblüten, zynischer Unterton: Geschichtswissenschaftlich gibt Der Schattenmann wenig her
Winklers Biographie glänzt durch solche historisch unterfütterten Anekdoten, mit denen sich auch ein guter Thriller schreiben ließe. Wer jedoch eine präzise geschichtswissenschaftliche Analyse sucht, ist beim Schattenmann falsch beraten. Das liegt auch im moralisierenden bis zynischen Stil begründet, den Winkler mitunter anschlägt. So lässt er auch die unglücklichsten Stilblüten nicht unversucht: „Im Rechristianisierungseifer der Nachkriegsjahre wird Eichmann, der selber genug Schafe (Hervorhebung J. S.) an die Schlachtbank geführt hat, von der katholischen Kirche wie ein verirrtes Schäflein behandelt.”
Abgetönt durchzieht diese schlechtere Variante von Guido-Knopp-Metaphern das gesamte Buch. Mit solch einem zynischen Unterton lässt sich auch der spannendste Plot nur schlecht erzählen. Winkler unterschlägt zudem die politische Dramatik des panarabischen Nationalismus, der sich durch seine antisemitischen Einflüsse die internationale Sympathie nach 1945 schnell verscherzte. Übrig bleibt ein simpler, moralischer Schwarz-Weiß-Plot ohne nennenswerte Zwischentöne. Damit erweist sich Winklers Schattenmann als flüssig zu lesende, doch geschichtswissenschaftlich wenig anspruchsvolle Lektüre. Mit Zynismus lassen sich Geschichten schlecht erzählen.
Willi Winkler: Der Schattenmann. Von Goebbels zu Carlos: Das mysteriöse Leben des François Genoud. Berlin: Rowohlt 2011. Hardcover, 352 Seiten. 19,95 Euro.


