Ulrich Delius im Gespräch: „Die ägyptische Regierung will die Kopten gar nicht schützen.“

11 Feb

Seit Anfang diesen Jahres deutet sich in Nordafrika ein gewaltiger Umbruch an. Allein in den vergangenen drei Tagen kamen bei Zusammenstößen zwischen Demonstranten und der Polizei im Zentrum Ägyptens drei Menschen ums Leben, über hundert wurden verletzt. Bei Ägyptens Minderheiten spitzt sich die Lage noch stärker zu. Betroffen sind vor allem die Kopten. Diese christliche Minderheit macht laut verschiedenen Schätzungen sechs bis 15 Prozent der ägyptischen Gesamtbevölkerung aus. Ich sprach mit Ulrich Delius von der Gesellschaft für bedrohte Völker (GfbV) über die Lage der Kopten und die Haltung des Westens gegenüber der Unterdrückung durch einen zur Staatsreligion erhobenen Islam.

Johannes Schüller: Herr Delius, vor kurzem erreichte Sie die Nachricht vom Mord an elf koptischen Christen in Ägypten. Koptische Geschäfte wurden auch in verschiedenen Provinzen während der Revolution überfallen, geplündert und ausgeraubt. Hat die Verfolgung der koptischen Minderheit vor dem revolutionären Hintergrund zugenommen?

Ulrich Delius: Sie hat nicht direkt zugenommen. Wir, die GfbV, beobachten eine stetige Entwicklung seit 20 Jahren. Das Problem besteht darin, dass die ägyptischen Behörden die Kopten nicht schützen wollen und sollen. Es gibt keine religiöse Gleichbehandlung im muslimisch geprägten Ägypten. Die christliche Minderheit gerät damit automatisch auch in die Position eines Sündenbocks. Und diese Diskriminierung bietet dann natürlich die Legitimationsgrundlage für solche Morde und Terroranschläge.

Mubarak und sein Regime werden ihrer Aufgabe nicht gerecht und sie wissen das auch. Um so ungeheuerlicher sind die offiziellen, heuchlerischen Verlautbarungen, es gebe Gleichbehandlung und keine Diskriminierung in Ägypten. Dass das nicht stimmt, weiß jeder in Ägypten.

Zugleich, und das gibt Anlass für Hoffnungen, verbrüdern sich aber auch einfache Muslime und Kopten während der Revolution. So haben ägyptische Muslime und Christen auf dem Tahrir-Platz in Kairo gemeinsam demonstriert und sich bei Gebeten gegenseitig geschützt. Das Problem liegt bei dem Staat und den Behörden, die offiziell behaupten, Ägypten müsse ein muslimischer Staat sein.

Droht aufgrund der chaotischen Zustände nicht auch die Zunahme eines radikalen Islams im Land, etwa in Form der Muslimbruderschaft?

Niemand weiß, was aus der aktuellen Situation heraus entsteht. Viele Kopten behaupteten, es könne für sie gar nicht mehr schlimmer kommen. Ja, es gibt dort auch die Angst vor der Muslimbruderschaft. Allerdings ist die in Ägypten längst nicht so radikal wie in anderen islamischen Staaten. Denn das Land und die Bevölkerung sind auf US-Zahlungen und den großen Ägypten-Tourismus angewiesen. Beides wäre bei einer radikalislamischen Entwicklung und einer weiter steigenden Verfolgung der Kopten extrem gefährdet. Das wissen die Muslimbrüder.

Wie gesagt, niemand weiß, ob die aktuelle Entwicklung wirklich Besserungen für die Kopten bringt. Hinter dem mächtigen Mubarak-Regime stehen weite Kreise, vor allem aus den Bereichen des Militärs und der Beamtenschaft. Sie können momentan nur verlieren und die Kopten stellen für sie einfach keine ernst zunehmende Größe dar. Wichtiger ist die Mehrheit der konservativen bis orthodoxen Muslime. Und vor denen will sich das Mubarak-Regime gerne als Hüter des Islams in Ägypten aufspielen. Dies hat sie in der Vergangenheit immer wieder versucht und dabei vor der existenziell bedrohlichen Lage der Kopten die Augen verschlossen. Laut Verfassung ist Ägypten kein säkularer, sondern ein muslimischer Staat. Und Hosni Mubarak will das auch nicht ändern.

Bereits zum Neujahrstag 2011 wurden 23 Kopten bei einem Selbstmordattentat auf die Al-Qiddissine-Kirche in Alexandria ermordet. Der Vatikan und deutsche bzw. westliche Politiker waren außergewöhnlich schnell mit Forderungen nach einem besseren Schutz der Kopten. Reicht das aus?

Mittlerweile sind es sogar 24 Tote, ein weiteres Opfer ist verstorben. Sicher war es gut, dass die internationale Staatengemeinschaft die Lage überhaupt erst einmal wahrgenommen hat. Wir mahnen die Situation der ägyptischen Kopten seit Jahren ohne große Resonanz an. Die plötzliche Aufmerksamkeitswelle war da einmalig und sicher auch durch die hohe Zahl der Opfer und den nachweihnachtlichen Neujahrstag bestimmt.

Die westliche Kritik greift aber trotzdem viel zu kurz. Es spielt doch keine Rolle, ob zwei oder drei Streifenwagen vor einer Kirche stehen. Entscheidend ist die staatlich auferlegte alltägliche Diskriminierung der Kopten. Sie sind rechtlich nicht mit den anerkannten Ägyptern gleichgestellt. Wenn man etwa festlegt, dass die Kopten etwa im Personalausweis auch als solche zu kennzeichnen sind, finden die Diskriminierten oft keinen Arbeitsplatz in Ägypten. Und da gibt es noch zahlreiche weitere Beispiele. Das Mubarak-Regime hat versagt, die westliche Forderung nach mehr Schutz greift viel zu kurz.

Wie viel Hoffnung können sich christliche Minderheiten momentan in der arabischen Welt machen?

Momentan ist die Situation einfach zu schwierig und komplex, um Prognosen zu treffen. Hoffnung sollte man sich natürlich immer machen. Die Lage ist in jedem arabischen Land – ob Jordanien, Syrien, Tunesien oder eben Ägypten – unterschiedlich. Die Jugend der arabischen Welt ist verbittert. Das liegt vor allem an der wirtschaftlichen Situation, vor allem der hohen Arbeitslosigkeit und Perspektivlosigkeit. Die alten Regime haben versagt und die Jugend fühlt das natürlich. Je eher es in den betroffenen Ländern zu Systemwechseln kommt, desto besser ist die Chance auf eine nicht radikal verlaufende Entwicklung. Nehmen Sie Ägypten: Die Ankündigungen, Mubarak nur auszutauschen, würden am Regime selbst nichts ändern und den Protest weiter zuspitzen. In solch einer Situation hätten natürlich auch radikale Islamisten gute Chancen.

Wie will die GfbV der Verfolgung von Minderheiten in Ägypten entgegensteuern?

Wir sind eine Menschenrechtsorganisation. Das heißt, wir wollen die Aufmerksamkeit auf diese Probleme lenken und damit auch Politiker und Öffentlichkeit zum Handeln drängen. Ohne Aufmerksamkeit gibt es keine Veränderung. An den Revolutionen in Ägypten und Tunesien zeigt sich, dass die Aufmerksamkeit trotz langer westlicher Ignoranz gewonnen werden kann. Jetzt ist der Zeitpunkt für Veränderungen, auch für die Kopten, gekommen. Die internationale Staatengemeinschaft muss sich für die Demokratisierung und den Minderheitenschutz in der arabischen Welt einsetzen.

Herr Delius, Vielen Dank für das Gespräch!

Bild: Ulrich Delius/Gesellschaft für bedrohte Völker

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