Antigone und Kreon hätten Sozialtherapeuten gebraucht. Dringend. „Nimm es an.“, „So ist die Lage. Der Abend wird jetzt sicher nicht schön, aber das ist nun mal so.“ In der Berliner Schaubühne wirft Peter Thiessen – Erzähler, Sänger und Schauspieler in einem – den imaginären Knuddelball auf die Bühne, um Antigones Götter- und Kreons Staatsgesetz an einen Tisch zu holen. Das vertrieb bereits zu Beginn den ein oder anderen aus dem vollen Theatersaal der Schaubühnen-Premiere am 4. Februar. „So ein Mist“ sei das gewesen, resümierte eine augenscheinliche Deutschlehrerin, nachdem sie im ersten Akt wutschnaubend das Publikum verließ. Doch mancher urteilte zu früh.
Viel Geduld gut investiert
Denn Regisseurin Friederike Heller schöpfte mithilfe der Brechtschen Verfremdungstechnik aus der ganzen Tiefe des antiken Klassikers von Sophokles. Dieser von ca. 497 – 405 vor Christi Geburt lebende attische Tragödiendichter eröffnete dereinst mit Homer den klassischen europäischen Kanon. Versagt haben dabei in der Interpretation des Schaubühnen-Stücks nicht Thebens König Kreon oder Ödipus’ Tochter Antigone, sondern der Gott der Lust und des Lasters, Dionysos. Doch bis zum Auftritt des metrosexuellen, ins lächerlich-burleskenhaft gezogenen Gottes wurde dem Publikum viel Geduld abverlangt.
Nein, Hellers Regietheater wendet sich nicht an die Scharen der Deutschlehrer und angegliederten Abiturienten. Es bedurfte einer detailgetreuen Werkkenntnis, um in der Darstellung des Sehers Theresias als Krokodils-Handpuppe keine Parodie auf die Weisheit des Alters zu sehen. Nicht die Tragik des blinden, Kreon den Untergang prophezeienden Sehers Theresias zeigt Heller auf, sondern die des Thebanerkönigs selbst, abwechselnd und überzeugend gespielt von Tilman Strauß und Christoph Gawenda.
Silberkonfetti mit Heidegger
In dieser „Nummernrevue“, so Eleonore Brüning in der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung, wurden einige Textpassagen interpretierend herausgestrichen. Allerdings zielte das nicht allein auf einen mit etwas mehr als zwei Stunden gestrafften, publikumsverträglichen Unterhaltungswert, sondern legte, ganz literaturarchäologisch, eine neue Interpretationsstufe frei. Die bemerkenswerteste ist jene vom König Kreon als Opfer der Götter und dessen, was die Griechen Moira, Schicksal, nannten. In Christian Rakows Rezension auf nachtkritik.de und Bünings Text wird diese geschickt montierte Uminterpretation ob des mit massenweise Silberkonfetti aufwartenden Revuespektakels vergessen.
Kreon wird in Hellers Stück von Antigone bereits vor vollendete Tatsachen gestellt, als diese ihren Bruder Polyneikes, der seine Vaterstadt Theben angriff und verlor, nach altem Ritus bestattete. In der von der Figur Kreons personalisierten, durch vergangene und drohende Infragestellung legitimierten Staatsordnung Thebens trifft das ins Herz des Stadtfriedens. Antigones ohnmächtige Verzweiflung angesichts der drohenden Hinrichtung begrenzt das Stück auf ein Minimum. Schnippisch teilt sie Kreon mit, dass sie den eigenen Tod in Kauf nähme. Doch Kreon sieht in der rituellen Bestattung Polyneikes’ nicht allein den Angriff auf seine Integrität als Herrscher, sondern auch auf die Würde seiner Person selbst. Deutlich wird dies auch im vom König auf die familiäre Ebene gedrückten Dialog mit seinem Sohn Haimon, der sich schließlich – als Bräutigam Antigones – vom Vater abwendet und umbringt. In dieser Konstellation wurzelt die gescheiterte Souveränität und Hybris des Patriarchen doppelt, nämlich auf staatlicher und familiärer Ebene.
Kreon: Ein tragischer Patriarch
„Ich habe dich getötet, ich. Io! ihr Diener!/ Führt eilig mich hinweg! führt, Schritt vor Schritt,/ Mich, der nun nichts mehr anders ist als niemand“, spricht Kreon in der letzten Szene bei Sophokles. Das Stück stellt die Frage nach dessen Schuld nicht derart konsequent wie der attische Dichter. Kreons Schicksal erscheint bereits unausweichlich: „Denn alles Schiefe hat/ Hier in den Händen und hier mir auf das Haupt/ Ein wüst Schicksal gehäufet.“ Die Handlung gerät bereits im Anstieg mit dem Erscheinen des Boten zum Selbstläufer. In Sophokles Text, hier liegt die Übersetzung Friedrich Hölderlin
s von 1804 zugrunde, schildert das Auftreten des Sehers Theresias das retardierende Moment, konkret Kreons Möglichkeit seinen drakonischen Erlass zu widerrufen.
Doch Heller lässt statt eines äußerlich und innerlich gereiften Sehers im Stück eben eine lächerliche Krokodils-Handpuppe als Propheten der Götter auftreten, die mit ihrer Charlie-Chaplin-Stimme Kreon zurecht an der Ernsthaftigkeit der Warnungen zweifeln lässt. Der Moderator und Erzähler hält dem König, die Groteske steigernd, einen Vortrag über Sühne und Rangordnung, der inhaltlich zwar durchaus schlüssig wirkt, aber wieder als den König belehrende Therapiesitzung daherkommt. Wie viel Einsicht kann, bei solch mangelnder Ernsthaftigkeit, von Kreon verlangt werden? Übrig bleibt das Bild eines lächerlichen und tragisch gewollten Diktators, der mit aller Ohnmächtigkeit den Stadt- und Familienfrieden zu schützen versuchte und scheitert.
Das entspricht mitnichten der klassischen Kreon-Figur des Sophokles und verschiebt zugleich die Sympathie zugunsten des thebanischen Herrschers. Dieses Bild des seiner abschreckenden Grausamkeit und Macht beraubten Kreons aber verneint zugleich die traditionelle, oft voreilige Parteinahme für Antigone, die nicht nur in den Deutsch-Abiturklassen fleißig gepflegt wird. Letzterer ist auch bei Heller nichts an ihrer Tragik genommen, ihr Schicksal scheint ebenso vorbestimmt. Bemerkenswerterweise geht der Selbstmord Antigones aber in der Schlussszene fast vollständig unter, zugunsten der familiären Tragödie Kreons. Die Bühnenlichter senken sich auf ihn und seine „Io!“-Schmerzensschreie gehen treppenförmig herab. Inszeniert wird auch die familiäre Tragödie, nicht allein das kollektive Versagen.
Gleichermaßen fatal: Kreons Übermut und Antigones naiver Fanatismus
„Wessen Wahrheit ist die richtige: die des einzelnen Menschen, der sein Leben selbst bestimmt und verantwortlich leben möchte? Oder weiß die Gemeinschaft, was dem Zusammenleben der Menschen zuträglich ist und an welche Gesetze sich alle halten müssen, um ein friedliches Miteinander zu ermöglichen?“ In Hellers Stück rangieren beide Konzepte gleichwertig und dementsprechend heißt es in der Vorankündigung auch: „In der Moderne sind die Beispiele zahlreich für die Fehler von beiden Seiten.“ Die Unbedingtheit beider Ideen wird im Stück unaufgeregt dargestellt, neben der Hybris Kreons steht der naive Fanatismus Antigones.
Bemerkenswert ist auch das dramaturgische Konzept von Bernd Stegemann. Dieser beruft sich auf einen Satz Hegels, wonach im Aufeinandertreffen zweier gleichberechtigter Positionen das Genie der Tragödie wurzelt. So entstehe der tragische Konflikt aus dem naiven, unreflektierten Absolutheitsanspruch eines archaischen Rechts- und Sittengedankens, der erst durch die sittliche Tat ins Rollen gebracht wird. Der heroische Charakter der Antigone liege in der absoluten Akzeptanz der physischen Konsequenzen begründet, womit – hier nur verkürzt erklärbar – der Zerfall der Gemeinschaft eintritt.
Eine mögliche Abwendung vom tragischen Verlauf werde nach Hegel erst durch den sittlichen Fortschritt, nämlich die Reflexion der eigenen Gesetze, ermöglicht. Doch über diesen Erkenntnissprung verfügen weder Kreon und Antigone, so dass sie beide zum Opfer ihrer archaischen, vorklassischen Philosophie werden. Auch in der Aufführung wird dieser Gedanke angedeutet, was für die hohe Qualität von Hellers Inszenierung spricht.
Einen zweiten Zugang im Programmheft bietet Martin Heideggers Einführung in die Metaphysik, die stark etymologisch, also begriffshistorisch, argumentiert. Demnach verhandelt Antigone das Wort vom Un-heimlichen, des existenzialen Nicht-zuhause-seins. Vereinfacht: Erst in der Auflehnung des Menschen gegen die Natur und seine Seinsbestimmung werde die ganze Tragik offenbar. „Vielfältig das Unheimliche, nichts doch über den Menschen hinaus Unheimlicheres ragend sich regt“, singt Thiessen im Stück.
Die stärkste Leistung bringt so auch der Chor, von der Indiepop-Band Kante fantastisch gespielt, der parallel die Moral der Tragödie liefert. Dazu passt Thiessens hochironischer Auftritt als Sozialtherapeut und Familienaufsteller, der in Hellers Stück nicht nur als Musiker, sondern auch als Schauspieler überzeugt. Davon hätte sich gewiss auch manche Deutschlehrerin überzeugen können, hätte sie denn nur etwas mehr Geduld bewiesen.
Aufführungstermine und Infos zur Antigone in der Berliner Schaubühne gibt es hier.
Fotos von oben nach unten:
Bild 1: Peter Thiessen/ Foto: Arno Declair
Bild 2: Christoph Gawenda/ Foto: Arno Declair
Bild 3: Felix Müller, Peter Thiessen, Tilman Strauß, Christoph Gawenda, Thomas Leboeg, Michael Mühlhaus, Sebastian Vogel/ Foto: Arno Declair
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