Theater I: Von Brecht lernen…

3 Jan

… können wir alle, auch wenn manche ihm dramaturgisches und literarisches Können absprechen, weil er ja ein bedenkenswerter Marxist gewesen sei. Neulich besuchte ich eine Aufführung des Guten Menschen von Sezuan in der Berliner Schaubühne. Das Stück war sehr klassisch gehalten. Welch Wunder, es sprangen tatsächlich keine “Streetworker” oder “Zivilcouragierten” über die Bühne.  Stattdessen Brechts Verfremdungstechnik in höchster Konsequenz – Nähe zu den Figuren entstand nicht und der Handlungsort war so gehalten, dass die Moral von der Geschicht weltweit gültig ist.

Eine Zusammenfassung der Entstehungsgeschichte und des Inhalts findet ihr hier. Ein großes Lob an die Regisseurin Friederike Heller, die übrigens auch schon Michel Houllebecqs Elementarteilchen und Goethes Wilhelm Meister für deutsche Bühnen inszenierte. Folgende Frage stand mit dem Ende des Stücks zur Debatte:

Ob unsere Gegenwart die Widersprüche zwischen der individuellen Moral und den Mechanismen des Marktes aufgehoben hat oder nur geschickter verschleiern konnte, kann im Brechtschen Modell über die Kosten der Arbeit und die Armut des unfrei seine Arbeitskraft verkaufenden Lohnabhängigen erkundet werden.

Nun gut, da klingt auch schon Karl Marxens Idee vom kulturellen Überbau der Klassenmechanismen an, aber m. E. legte das Stück dem Zuschauer auch unter der Hand die Idee nahe, dass der Mensch nun eben mal sei, wie er sei und “ein guter Mensch” von Sezuan inmitten der nur allzu menschlichen Menschen eben eine – fromme – Figur der Utopie bleibt. Aber schon allein die Tatsache, dass Brecht hier kein seichtes Unterhaltungsstück schrieb, sondern ein durchkonstruiertes und anspruchsvolles Drama, verdient Respekt.

Aber Brecht bleibt auch aus einem anderen Grund aktuell: 1929 führte er im Rahmen des Musikfestes „Deutsche Kammermusik Baden-Baden“ am 27. Juli 1929 das als Lehrstück konzipierte Hörspiel Lindberghflug auf. Dieses sollte seine Idee vom Radio als „Kommunikationsapparat öffentlichen Lebens“ unter Beweis stellen. Brecht stellte sich folgendes vor:

Der eine Teil (die Gesänge der Elemente, die Chöre, die Wasser- und Motorengeräusche und so weiter) hat die Aufgabe, die Übung zu ermöglichen, das heißt einzuleiten und zu unterbrechen, was am besten durch einen Apparat geschieht. Der andere pädagogische Teil (der Fliegerpart) ist der Text für die Übung: Der Übende ist Hörer des einen Textteils und Sprecher des anderen Teils. (Der Rundfunk als Kommunikationsapparat. Rede über die Funktion des Rundfunks. In: Ders.: Schriften zur Literatur und Kunst I. 1920 – 1932. Redaktion: Werner Hecht. Frankfurt am Main: Suhrkamp 1967 (= Kommunikationsapparat), S. 128f.)

Ziel des Ganzen war es, die Einbahnstraße Sender-Medium-Empfänger aufzubrechen und sowohl Sender (Radiomacher und -moderatoren) als auch Empfänger (Rediozuhörer) zur Kommunikation auf Augenhöhe einzuladen. So konnten etwa die Zuhörer, die bei der Aufnahme live dabei waren, in das Stück hineinrufen oder es anderweitig mit bearbeiten. Das Ganze scheiterte natürlich trotzdem, weil Medien ohne Disziplinierung nun mal nicht funktionieren. Wenn jeder irgendwie mitbasteln kann, kommt am Ende keine demokratisch produzierte Qualität, sondern nur ein heilloses Stimmenwirrwarr raus. Ohne den Autoren, der das Mikro oder auch die Feder führt, entsteht Chaos. Das sah auch Brecht ein, weshalb er das Projekt nicht weiterspann. Er resümierte:

solche Übungen nützen dem einzelnen nur, indem sie dem Staat nützen, und sie nützen nur einem Staat, der allen gleichmäßig nützen will. […] Seine richtige Anwendung aber macht ihn (den „Ozeanflug, Anmerkung J.S.) immerhin so weit „revolutionär“, daß der gegenwärtige Staat kein Interesse hat, diese Übungen zu veranstalten. (Kommunikationsapparat, S. 131)

Das ist heute ebenso gültig wie zu Brechts Zeiten, 1929. Aber warum versuchen wir es nicht mal – wenigstens – mit einem Kommunikationsapparat auf Augenhöhe? Schlußendlich ist der Leser gerade im Internet und beim Bloggen zur Beteiligung eingeladen – so wie ihr jetzt zum Kommentieren unter diesem Artikel. Beleidigende oder niveaulose Kommentare entfernt die Redaktion. Denn ohne (Selbst-)Disziplinierung ist Kommunikation auf Augenhöhe nun mal nicht möglich.

Bild: Brecht-Sammlung für 29,80 Euro zum Selberlesen bei Suhrkamp.

Tags:, , ,

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Log Out / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Log Out / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Log Out / Ändern )

Verbinde mit %s

Follow

Get every new post delivered to your Inbox.