Nietzsche

Rüdiger Safranski: „Nietzsche – Biographie seines Denkens.“. Während ich beim Lesen des Röckeners eher mittels der heiteren, von ihm selbst als „dionysisch“ beschriebenen Beschwingtheit die Seiten und Konsequenzen seines reinen Denkens überspringe, gelingt es Safranski ganz in philosophischer Manier die Gedanken Meister Nietzsches aufzuschlüsseln und zugleich wieder zu einem System zusammenzufügen. Dieses System erscheint mehr oder weniger gut in sich geschlossen, doch es gelingt dem Autor wohl, den Weg bis zum Ende zu gehen – und damit auch Nietzsche als Denker anzutreffen.

Safranskis Weg führt in „das Ungeheure“. Das Ungeheure lässt sich als Mut zur Wahrheit beschreiben, als Überwindung der alten Philosophenangst, den Urgrund des Seins mittels des Denkens zu berühren und auszuhalten. Welche Erkenntnis gewinnt nun Nietzsche am Urgrund des Seins? „Meint ihr, denn es müsse Stückwerk sein, weil man es euch in Stücken giebt (und geben muss).“ schreibt er in „Menschliches, Allzumenschliches“.
Und doch lässt sich dieses Stückwerk nur schwer zu einer Antwort zusammenfügen, wenngleich scheinbar das Zentrum eines Systems ausmachbar ist: die Ohnmacht des Denkens. Denn nach Nietzsche steht am Ende des Logos die Erkenntnis der Ohnmacht menschlicher Vernunft. Das Sein scheint entschlüsselt, der Mensch steht inmitten „fallender Atome“. Die Fragen: will man diesen Weg gehen, kann man diesen Weg gehen – trifft beides zu: ist man bereit, diese Erkenntnis wirklich auszuhalten – wie antwortet man auf diese ungeheure Erkenntnis? Nach Nietzsche ist das Ungeheure dieser apollinischen Erkenntnis durch die dionysische Musik erst tragbar.

Die Erkenntnis befreit von der ersten Natur, unreflektieren Natur des Menschen und begibt sich auf dem Weg zur zweiten Natur – mittels der entsteht dort „heitere Beschwingtheit“. Doch ist das Ungeheuere der Erkenntnis erst einmal offenbar, lässt es nicht so leicht mit Noten und Liedern übermalen. Dazu stellt sich die Frage, ob man den vom Weg der Erkenntnis überhaupt zurückkehren will und kann. Nietzsches Mut, sich mittels dem Willen zur Vernunft in das Meer des Ungeheuren „einzuschiffen“ – wie er selbst schreibt -, ist bewundernswert. Noch bewundernswerter ist seine Fähigkeit, diesen Weg mittels der Sprache zu einem gut lesbaren Weg zu machen – wenngleich er für die meisten Leser in seiner logischen Konsequenz schwer nachzuvollziehen ist. Es ist wohl nicht falsch, von Nietzsche als einem der bedeutendsten Schriftsteller und Philosophen zugleich sprechen zu wollen. Und es ist zugleich schwer zu sagen, wo denn das Übergewicht liegt.
Nietzsche konnte seine Philosophie in die deutsche Sprache übersetzen, er konnte ästhetisch anspruchsvoll in ein Zeichensystem kodieren und damit den Leser ein System zumindest erahnen lassen. Liegt nicht darin auch die Aufgabe des Schriftstellers und Dichters: seine Gedanken – und/oder die Gedanken der Philosophen – in ein ästhetisches, lesbares Zeichensystem zu übersetzen, mittels der „heiteren Beschwingtheit“, die Erkenntnis er-tragbar zu machen? Es genügt nicht allein, die Gedanken der Philosophen auseinanderzunehmen und in logische Systeme zusammenzufügen. Man muss aus ihnen eine Melodie, eine Melodie der Sprache oder Musik erzeugen. Dies sollte einen anspruchsvollen Autor ausmachen. Oft ist das Übergewicht nur einseitig – zumeist gibt es gute Sprachstilisten – oder gute Philosophen. Aber wie schwierig ist, beides zu verbinden! Thomas Mann konnte es – und Friedrich Nietzsche auch.